ADHS, Trauma und das Nervensystem
Warum Regulation wichtiger ist als Disziplin

Kennen Sie das? Sie sitzen am Schreibtisch, wollen eigentlich nur diese eine E-Mail schreiben, doch plötzlich entdecken Sie einen Fleck auf der Tischplatte. Zwei Minuten später putzen Sie die Küche, die E-Mail ist vergessen, und innerlich fühlen Sie eine Mischung aus Getriebenheit und Erschöpfung.
Oder der Moment im Supermarkt: Eigentlich wollten Sie nur Milch kaufen, aber das helle Licht, die Musik und die vielen Menschen führen dazu, dass Sie sich wie ferngesteuert fühlen und am liebsten flüchten würden.
Zwischen Hochspannung und Standby
von traumaheilung.jetzt
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Schnell steht bei solchen Erlebnissen die Diagnose ADHS im Raum. Doch oft greift diese Betrachtung zu kurz, wenn sie nur das Gehirn und die Neurotransmitter in den Blick nimmt.
In meiner Arbeit beziehe ich mich auf das Bodynamic System, die Neurosystemische Integration und die Somatische Emotionale Integration (SEI). Diese Ansätze erlauben uns, ADHS-Symptome nicht als Defizit, sondern als logische Antwort des Körpers auf fehlende Sicherheit und Stress in frühen Entwicklungsphasen zu verstehen.
Der Blick durch das Bodynamic System
Wenn der „Behälter“ fehlt

Das Bodynamic System betrachtet die psychische Entwicklung in direktem Zusammenhang mit der motorischen Entwicklung und der Muskelspannung. Bei ADHS-Symptomatiken schauen wir uns spezifische Ich-Funktionen an.
Drei Aspekte sind hierbei zentral – und so zeigen sie sich in Ihrem Alltag:
1. Containment (Das Halten von Energie)
Stellen Sie sich Ihren Körper als Gefäß vor. Um starke Emotionen oder Impulse halten zu können, benötigen wir ein stabiles „Containment“.
Im Alltag: Ein kleines Missgeschick passiert – Ihnen fällt eine Tasse herunter. Statt kurz verärgert zu sein, werden Sie von einer enormen Wut überflutet, die den ganzen Tag ruiniert. Oder Sie haben eine tolle Idee und erzählen sie sofort jedem ungefiltert, bis die Energie verpufft ist, bevor Sie überhaupt angefangen haben.
Die Ursache: Fehlt das Containment (z. B. durch frühes Trauma), kann das Gefäß die Energie nicht halten. Sie „schwappt über“ (Impulsivität) oder verflüchtigt sich (Konzentrationsverlust).
Der Ansatz: Wir arbeiten daran, das körperliche Gefühl für die „Außenhaut“ zu stärken, um diesen Container nachträglich aufzubauen.
2. Energiemanagement & Muskelresponse
Das Bodynamic System unterscheidet, wie Muskeln auf Stress reagieren:
Hypo-Response (Unterspannung): Muskeln geben auf.
Beispiel: Sie sitzen in einem Meeting. Obwohl das Thema wichtig ist, werden Ihre Glieder schwer, der Blick wird glasig und Sie driften in Tagträume ab. Es fühlt sich an, als würde jemand den Stecker ziehen. Dies korreliert oft mit dem unaufmerksamen ADS-Typus.
Beispiel: Sie schauen abends einen Film, aber Ihre Beine wippen ständig. Oder Sie unterbrechen Gesprächspartner, weil der Gedanke in Ihnen so viel Druck erzeugt, dass er jetzt sofort raus muss. Der Körper ist bereit zum Kampf oder zur Flucht.
Beispiel: Sie schauen abends einen Film, aber Ihre Beine wippen ständig. Oder Sie unterbrechen Gesprächspartner, weil der Gedanke in Ihnen so viel Druck erzeugt, dass er jetzt sofort raus muss. Der Körper ist bereit zum Kampf oder zur Flucht.
3. Grenzen und soziale Orientierung
Viele Menschen mit ADHS-Diagnose haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Grenzen zu spüren.
Im Alltag: Sie gehen auf eine Party und kommen völlig ausgelaugt nach Hause, nicht weil Sie zu lange getanzt haben, sondern weil Sie die Stimmungen aller anderen Gäste ungefiltert aufgenommen haben. Oder Sie sagen „Ja“ zu einer Aufgabe, obwohl Ihr Bauchgefühl längst „Nein“ geschrien hat.
Das Bodynamic System sieht hier oft eine Thematik in der Ich-Funktion „Grenzen“. Wenn ich nicht spüre, wo ich aufhöre und der andere anfängt, wird jeder Reiz zur potenziellen Invasion (Ablenkbarkeit).
Neurosystemische Integration & SEI
Sicherheit als Basis für Fokus

Aus Sicht der Neurosystemischen Integration (NI) und der Somatischen Emotionalen Integration (SEI) ist ein Großteil der ADHS-Symptomatik Ausdruck eines dysregulierten Nervensystems.
Neurozeption: Warum Konzentration Sicherheit braucht
Unser System scannt permanent auf Gefahr (Neurozeption).
Im Alltag: Vielleicht bemerken Sie, dass Sie wunderbar arbeiten können, wenn jemand Vertrautes ruhig im selben Raum sitzt (Body-Doubling). Sobald Sie allein sind, kommt die Unruhe.
Der Grund: Ihr System meldet „Alleine sein = Unsicher“. Der präfrontale Cortex (zuständig für Planung) schaltet ab, das Stammhirn übernimmt. Wer sich unsicher fühlt, kann sich biologisch gesehen nicht auf eine Excel-Tabelle konzentrieren – er muss die Umgebung scannen.
Das Problem der Fragmentierung
Trauma führt oft dazu, dass wir uns von unseren Körperempfindungen abspalten.
Im Alltag: Sie stoßen sich ständig an Türrahmen oder haben blaue Flecken, ohne zu wissen, woher. Oder Sie merken erst abends, dass Sie seit sechs Stunden nichts getrunken haben und eigentlich dringend auf die Toilette müssen.
SEI hilft dabei, diese abgespaltenen Anteile wieder in den Körper zu holen und Brücken zwischen dem Denken und dem Fühlen zu bauen.
Wie sieht die Lösung in der Praxis aus?
Wir arbeiten nicht daran, Ihre Persönlichkeit zu ändern oder das „Zappeln“ einfach zu unterdrücken. Wir erhöhen die Kapazität Ihres Nervensystems.

Aufbau von Containment: Sie lernen durch körperliche Übungen, hohe Energiezustände (wie Freude oder Wut) zu halten, ohne dass die Sicherungen durchbrennen.
Grenzen spüren: Wir aktivieren gezielt die Muskulatur, die für das „Wegschieben“ zuständig ist, damit Sie im Alltag auch energetisch bei sich bleiben können.
Co-Regulation erfahren: In der therapeutischen Arbeit biete ich Ihnen ein „Leih-Nervensystem“ an. Ihr System lernt: „Ah, Kontakt kann sicher sein, ich darf herunterfahren.“
Es geht um den Weg von der unbewussten Überlebensstrategie hin zu einer bewussten Wahlfähigkeit.
Ihr nächster Schritt
Erkennen Sie sich in dem Beispiel mit der überlaufenden Energie oder dem „Stecker ziehen“ im Meeting wieder?

Möchten Sie verstehen, ob Ihre Symptome Ausdruck eines fehlenden Containments oder einer frühen Stressreaktion sind? Ich lade Sie herzlich ein, in einem Erstgespräch zu klären, wie wir Ihr Nervensystem unterstützen können, wieder in seine natürliche Kraft und Ruhe zu finden.
