Grenzen wahren vs. das eigene Limit halten
Warum wir in der Partnerschaft in die Verteidigung gehen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum ein Streit mit dem Partner oder der Partnerin plötzlich eskaliert, obwohl Sie eigentlich ruhig bleiben wollten? Oft sprechen wir dann davon, dass unsere „Grenzen überschritten“ wurden. Doch in der körperorientierten Arbeit unterscheiden wir hier zwei wesentliche Aspekte, die gerade in engen Beziehungen oft verwechselt werden: Die soziale Grenze und das innere Limit (Containment).
Der Eimer und der Zaun
von traumaheilung.jetzt
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In diesem Artikel beleuchten wir den feinen, aber entscheidenden Unterschied und warum es manchmal nicht darum geht, den Partner zu stoppen, sondern die eigenen Emotionen besser „halten“ zu können.
Der Unterschied: Grenze vs. Containment

Um Konflikte in der Partnerschaft zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die unterschiedlichen Funktionen unserer Psyche und unseres Körpers.
1. Die Grenze: „Bis hierhin und nicht weiter“
Eine Grenze ist etwas, das wir im Kontakt nach außen setzen. Es ist eine soziale Interaktion.
Funktion: Sie schützt unseren persönlichen Raum.
Aktion: Wir sagen „Nein“, „Stopp“ oder ziehen uns physisch zurück.
Ziel: Den Einfluss des Partners zu regulieren.
2. Das Limit & Containment: „Wie viel Energie kann ich halten?“
Hier wird es spannend. „Containment“ (aus dem Englischen für Behälter oder Fassungsvermögen) beschreibt unsere innere Kapazität, Emotionen und Energie zu spüren und bei uns zu behalten, ohne sofort impulsiv reagieren zu müssen.
Funktion: Selbstregulation und Energiemanagement.
Das Limit: Das ist der Punkt, an dem unser „Behälter“ voll ist. Wenn mehr Emotion (Angst, Wut, Schmerz) hineinströmt, als wir halten können, läuft das Fass über.
Das Praxis-Beispiel: Der Streit beim Abendessen

Schauen wir uns ein typisches Szenario in einer Beziehung an:
Ihr Partner kommt gestresst nach Hause. Beim Abendessen machen Sie eine kleine Bemerkung, und plötzlich reagiert er unverhältnismäßig wütend. Er wird laut, seine Stimme füllt den Raum, die Energie ist aggressiv. Eigentlich ist das „nur“ sein emotionaler Ausdruck von Überlastung.
Was passiert nun bei Ihnen?
Der Auslöser: Die Lautstärke und die Wucht der Energie Ihres Partners treffen auf Sie.
Die innere Reaktion: Diese Intensität löst bei Ihnen Angst oder Stress aus.
Das Limit: Wenn Ihre Fähigkeit, diese eigene Angst zu fühlen und zu halten (Containment), erschöpft ist, ist Ihr innerer „Behälter“ voll.
Die Verteidigung: Weil Sie die Angst in sich selbst nicht mehr halten können, müssen Sie die Energie loswerden. Sie gehen sofort in den Gegenangriff („Schrei mich nicht so an!“), rechtfertigen sich hektisch oder erstarren und ziehen sich innerlich komplett zurück.
Die Erkenntnis: Sie reagieren oft gar nicht auf den Inhalt des Vorwurfs, sondern darauf, dass Ihr eigenes Nervensystem mit der Intensität Ihrer eigenen Gefühle überfordert ist.
Warum Verteidigung der Liebe oft im Weg steht

Wenn wir über unser Limit kommen, schaltet unser System in den Überlebensmodus. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, in liebevoller Verbindung („Mutual Connection“) zu bleiben.
Wir verwechseln dann oft:
„Mein Partner greift mich an“ (Grenze nötig) mit
„Ich spüre so viel Unruhe in mir, dass ich platze“ (Containment nötig).
Wie wir unser Containment erweitern können: 4 konkrete Werkzeuge
Die gute Nachricht ist: Containment ist körperlich verankert und trainierbar. In der Körperpsychotherapie (wie dem Bodynamic-System) nutzen wir gezielt Muskeln, um diese psychische Kapazität zu stärken.

Hier sind Impulse für den nächsten Konflikt:
1. Aktivieren Sie Ihre „Containment-Muskeln“ (Latissimus)
Unser Körper verfügt über Muskeln, die uns helfen, Gefühle zu halten. Einer der wichtigsten ist der Latissimus Dorsi (der breite Rückenmuskel).
Die Übung: Wenn es stressig wird, spüren Sie in Ihren Rücken. Stellen Sie sich vor, Sie machen Ihren Rücken breit. Drücken Sie Ihre Oberarme sanft seitlich an Ihren Brustkorb heran.
Der Effekt: Dies gibt Ihnen physischen „Rückhalt“ und das Gefühl, dass Ihre Außenseiten stabil sind. Es hilft, die Energie im Inneren zu behalten, statt sie reflexartig nach außen zu feuern.
2. Einfaches Aussprechen (Benennen der Realität)
Statt in die Verteidigung oder den Gegenangriff zu gehen, versuchen Sie, nur das auszusprechen, was gerade physiologisch passiert.
Sagen Sie: „Deine Lautstärke macht mir gerade Angst“ oder „Ich merke, dass mir das gerade zu viel wird und ich nicht mehr zuhören kann.“
Das verlagert die Aktivität vom Stammhirn (Reaktion) zum Großhirn (Verstehen) und wirkt oft entwaffnend auf den Partner.
3. Das Time-Out
Wenn Sie merken, dass Ihr Limit erreicht ist und kein Containment mehr möglich ist: Gehen Sie.
Vereinbaren Sie in ruhigen Zeiten ein „Time-Out-Zeichen“.
Wenn einer das Zeichen gibt, wird das Gespräch für 20 Minuten unterbrochen. Verlassen Sie den Raum, atmen Sie durch. Erst wenn das Nervensystem sich beruhigt hat, wird weitergesprochen.
4. Bodenhaftung (Grounding)
Spüren Sie Ihre Füße am Boden. Der Boden trägt Sie – auch wenn der Partner gerade wütend ist. Das gibt dem Nervensystem Sicherheit und erhöht die Kapazität, Stress zu halten.
Fazit: Freiheit durch innere Stärke

In einer Partnerschaft Grenzen zu setzen ist wichtig. Aber zu erkennen, wann es eigentlich um das eigene Containment geht, kann viele unnötige Streits verhindern. Wenn wir lernen, unsere eigene Angst oder Wut zu halten (z.B. durch die Aktivierung des Rückens), ohne sie dem Partner vor die Füße zu werfen, können wir Konflikte souveräner lösen.
Wir müssen dann nicht mehr jeden emotionalen Ausbruch des Partners als Angriff werten, sondern können ihn als das sehen, was er ist: Ein Ausdruck des anderen, der uns nicht zerstören muss.
Möchten Sie als Paar oder Einzelperson lernen, souveräner in Konflikten zu bleiben? In meiner Praxis arbeite ich körperorientiert daran, Ressourcen wie Containment und Abgrenzung erfahrbar zu machen. Vereinbaren Sie gerne ein unverbindliches Erstgespräch.
